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Reingehört: A Wilhelm Scream – Lose Your Delusion

Jedes Mal, wenn ich den Namen A Wilhelm Scream lese, bin ich zwiegespalten: Ich feiere die Mucke der Band unglaublich, doch dann denke ich zurück an das letzte Mal, als ich sie live gesehen habe. Das Konzert war großartig, nicht falsch verstehen, nur war das im White Rabbit Club hier in Freiburg, einer tollen Live-Location, die es nicht mehr gibt. Warum ich das erzähle? Das neue Album „Lose Your Delusion“ (was wohl Axl Rose zum Titel sagen würde!?) wird diese Wehmut endgültig verschwinden lassen und mehrheitlich positive Erinnerungen zurücklassen.

Los geht es mit einem sehr langen, sehr ruhigen Instrumentalpart, was heutzutage ja quasi nicht mehr existiert. „Die Platte muss von der ersten Sekunde an überzeugen“ ist eher die Richtung, die sich in den letzten Jahren etabliert hat. A Wilhelm Scream interessiert das wohl nicht, denn sie lassen sich genau 1:58 min Zeit, bis der Song „Acushnet Avenue At Night“ im vollen Bandgewand beginnt. Man kann hier mit jeder verstrichenen Sekunde die innere Vorfreude spüren, ein sehr gelungener Einstieg. Der erste Eindruck: Mix und Abstimmung zwischen Instrumenten, Hauptstimme und Backings ist überragend. Alles hat Platz, alles hat Wucht und ich weiß noch, wie ich beim ersten Mal hören direkt eine unglaubliche Euphorie verspürte.

Was die Band aus Massachusetts immer auszeichnete – zumindest für mich – waren die schnellen, melodiösen Hardcore-Punk Parts, die ich damals über Fat Wreck Chords lieben gelernt hatte. Der Begriff „melodiös“ steht hier übrigens für die Gitarren und die (Zweit-)Vocals gleichzeitig, denn beides sticht für mich extrem heraus. Auf der anderen Seite gibt es diese progressiven, fast schon metal-angehauchten Riffs & Soli zwischenrein, die zeigen, wie gut alle in dieser Kapelle ihre Instrumente beherrschen. Spoileralarm: Jeder Song auf „Lose Your Delusion“ greift diese beiden Seiten auf, weshalb dieses Album schon beim ersten Mal Hören funktioniert, aber auch für die nächsten Durchgänge noch genug zu entdecken bietet.

A Wilhelm Scream waren in Sachen Single-Releases vorab schon recht umtriebig, denn folgende Songs sind bereits veröffentlicht: „Be One To No One“, „Apocalypse Porn“ und „GIMMETHESHAKES“. Aufmerksame Fans der Band werden gleich meckern, dass „Figure Eights in My Head“ auch schon raus ist. Richtig, den Song wollte ich an dieser Stelle aber noch mal hervorheben, denn der ist so abwechslungsreich, fast schon einer der „langsameren“ Songs und das Video dazu ist auch klasse gemacht. Also gleich hier mal mit dem Lesen pausieren, auf Play klicken und zurücklehnen:

 

Wieder zurück? Als Kontrastprogramm gibts Songs wie „… And Big Nasty Was It’s Name“ oder „Yo Canada“, die sämtliche Geschwindigkeits- & Härtebegrenzungen überschreiten und hoffentlich auch Live zum Vorschein kommen, denn dann ist der Abriss garantiert. Eigentlich könnte man hier dann den Deckel drauf machen und sagen: Geiles Album, legt es euch zu, doch dann würden Songs wie z. B. „I’m Gonna Work it Out“ unter den Tisch fallen. Der ist nicht so richtig greifbar bzw. in der Rhythmik eher experimenteller, bevor der Refrain in Klarheit aufgeht. Ihr merkt schon: „Lose Your Delusion“ ist extrem facettenreich, nicht jede Note ist irgendeiner klaren Richtung zuzuordnen, daher erinnert es mich an manchen Stellen tatsächlich an das – wie ich finde überragende – Album „Brain Pain“ von Four Year Strong. Wenn dir das genannte Album auch taugt, dann kann ich hier eine absolute Kaufempfehlung aussprechen. Für alle, die mit dem Vergleich nix anfangen können: Macht nix, „Lose Your Delusion“ gehört aber trotzdem ins Plattenregal!