Warum hat es eigentlich ganze 15 Jahre gedauert, bis ich mal wieder bei Rock am Bach in Kirchzarten zu Gast war? Dieser Frage will ich in dieser – eher allgemein gehaltenen – Review zum Festival nachgehen, denn 2011 habe ich dort die Emil Bulls als Headliner gesehen und das Festival am Waldrand wirklich cool gefunden. Und dann?
… rutschte das Open Air aus irgendeinem Grund unter meinen Radar. Warum ist mir nach diesem tollen Festivalbesuch unerklärlich, doch lest selbst.
Los ging es entspannt mit dem Bus von Freiburg nach Kirchzarten, die Fahrt dauerte nicht sonderlich lange, die paar Gehminuten zum Festivalgelände waren bereits gespickt mit Festivalbesucher*innen und deren Shirts aus den letzten Jahren. 2023 hat Van Holzen das Line-Up geschmückt, damals wollte ich eigentlich unbedingt hin, was zeitlich nicht geklappt hatte. Dieses Jahr stand neben vielen anderen tollen Bands Nikra auf dem Plakat, eine Band, die in den letzten paar Jahren einiges an Aufsehen erlangte und mit Debütalbum im Gepäck sicher eine gute Rock-Show an den Start bringen würde.
Am Eingang erwartete uns ein riesiges hölzernes RAB, das gleichzeitig der Eingang zum Festivalgelände war. Die Stimmung auf dem Gelände, unabhängig von den Bands, war von Beginn an wirklich schön: Viele Stände rundum die Bühnen versorgten das Publikum mit vielen Essens- als auch Getränkeoptionen, egal ob Currywurst, Bier, Veggie-Burger, Cocktail, vegane Mahlzeiten oder Bowle. Die Bühnen – es gibt nämlich genau zwei – namens Main- und Fire Stage stehen sich genau gegenüber und wenn die eine Seite pausiert, geht es auf der anderen rund. Die Fire Stage heißt übrigens nicht ohne Grund so, denn auf dem Dach gibt es kleine Feuerwerfer, die im Takt der Musik den Nachthimmel erhellen. In der Mitte des Geländes gab es eine große Metallskulptur (siehe Foto), das irgendwann auch als Feuerstätte genutzt wurde und den Abend über als Wärme- und Atmosphären-Spender diente. Als die Sonne abends weg war, gingen die Temperaturen spürbar runter, doch mit diesem Feuer mitten im Gelände kam kein Kältegefühl auf.
Und dann die Bands! Die erste Band, die ich am Abend sah, war Liyo aus Berlin, die schon sehr gut für Stimmung sorgte. Als letzten Song spielte die Singer-Songwriterin „Leiser“, der mich direkt abgeholt hat. Auch jetzt, während ich den Bericht schreibe, sorgt der Track noch für Gänsehaut. Also auf jeden Fall checken! Weiter ging es direkt mit Lawn Chair, die auf der Fire Stage Vollgas gaben, mehr Zerre in der Gitarre hatten und den Zuschauer:innen im wahrsten Sinne des Wortes Feuer unterm Arsch machten. Ab und an kamen bei mir Kraftklub-Vibes an, im nächsten Moment war es dann doch wieder Rock’n’Rolliger, aber eines war sehr konstant, der Bewegungsdrang von Sängerin Claudia: mal hing sie in den Traversen der Bühne, mal lag sie im Publikum und ab und an reichte auch die Bühne aus.
Nun war die Band Nikra an der Reihe und gleich nach den ersten paar Songs merkte man Anabell an, dass irgendwas nicht stimmte. Wie sich Tage danach rausstellte, hatte sie sich gleich nach zu Beginn den Fuß gebrochen. Wäre also nachvollziehbar gewesen, wenn die Band ab dem Moment nicht mehr weiter spielen könnte, oder? Sah die Sängerin anders, und hat das gesamte Set souverän durchgezogen. Klar, das Humpeln erinnerte einen daran, aber musikalisch war ihr nichts anzumerken. Das Publikum lief jetzt heiß, es gab Wall Of Death, hüpfen, pogen, tanzen und alles dazwischen und außerhalb. Mein Lieblingstrack „Die Jugend ist tot“, war auch Teil der Setlist, weshalb ich dann auch happy war, die Band gesehen zu haben. Einzig der Sound war nicht so der Hit, da haben mir etwas die Rock-Gitarren im Mix gefehlt, also werde ich mir Nikra mit verheiltem Fuß und lauteren Klampfen nochmal reinziehen.
Mit dem letzten Akkord tönten bereits die ersten Bläser-Töne von der Band Scheiba, die das Line-Up um eine weitere Facette erweiterte. Der Mix aus Indie, Disco Beats und sehr viel Humor lieferte Abwechslung, die bei der tanzenden Meute vor der Fire Stage sichtbar gut ankam.
Last but not least enterte Yara die Bühne, eine Band aus Mannheim/Heidelberg, die lächerlich oft den Vergleich zu AnnenMayKantereit gehört haben dürften. „Schuld“ daran ist Sänger Jakob, der mehr Schleifpapier auf den Stimmbändern hatte, als alle Schreinereien aus Kirchzarten zusammen. Ein würdiges Ende für den zweiten Tag von Rock am Bach. Falls ich noch nicht erwähnt habe, dass das Festival ganze drei Tage füllt, ist das hiermit auch geschehen.
Also: Warum hat es so lange gedauert, wieder zu Rock am Bach zu gehen? Es ist mir ein Rätsel, um ehrlich zu sein. Die Anreise ist super unkompliziert, das Festivalgelände in jedem Winkel mit Liebe gefüllt und das Line-Up strotzt nur so vor Qualität und Abwechslung. Solltest du also bis hierher gelesen haben, dann behalte Rock am Bach bitte für 2027 auf dem Schirm, denn so ein ehrenamtlich geführtes Festival direkt vor der Haustür ist ein seltenes Gut, das man unterstützen sollte!