Das fünfte Studioalbum von FJØRT dürfte musikalisch mit das Härteste sein, was in vierzehn Jahren Band-Dasein entstanden ist. Dabei betiteln die Aachener die neue Platte „belle époque“, ein Begriff, der für den Zeitraum von 1870 bis in die frühen 1910er Jahre steht und positiv verknüpft ist: Wohlstand, Frieden (kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg), wirtschaftlicher Wachstum und eine lebensfrohe Zukunft sind hier gebündelt. Doch wo diese Epoche letztlich hingeführt hat, wissen wir alle.
Gleich mit der bereits veröffentlichten Single „messer“ wird klar, dass hier nicht von der positiven Phase die Rede ist, sondern von düsteren (aktuellen) Zeiten: „Und wir holen wieder Luft, aber woher denn nehmen? Angekommen in der Pechschwarz-Ära. Die Hoffnung ist ein Schlachtfeld. Ich habe nichts in der Hand, wenn es wieder Nacht wird“. Einen klaren Bezug finden wir in den Lyrics auch zum laufenden Angriffskrieg in der Ukraine („Kyiv Mule“ und 1987 km, die Entfernung zwischen Aachen und Kiew). Musikalisch reißt der Song direkt mit großer Wucht alles ein, um das Ende mit einem melancholischen Klavier ausklingen zu lassen. Puh, erst mal sacken lassen. Dieser Mix aus schwere Kost gepaart mit einem musikalischen Hoch macht „messer“ zu meinem Album-Favoriten.
Weiter geht es mit „hertz“ und hier wird das erste Mal auf dieser Platte aktiv mit Fragmenten aus anderen Sprachen gespielt, einem Stilmittel, das später noch ein paar Mal zum Einsatz kommen wird: „My body can’t take it“ heißt es, bevor im bereits bekannten „‚43“ auf Deutsch unvermeidbar klar die Brücke von der aktuellen Zeit in die düsterste unserer Geschichte geschlagen wird. In einem früheren Interview mit Fjørt hatte ich gelesen, dass Themen wie Rassismus/Faschismus im Vergleich zu den bekannt abstrakten Lyrics auch gerne mit mehr Klarheit versehen werden, diese Idee wurde hier 1:1 berücksichtigt: „Wir leben in Hakenkreuzzeiten, La résistance, Zeit, euch zu zeigen“ erinnert daran, nicht alles hinzunehmen. Der Song malt grundsätzlich aber auch hier ein dunkles Bild und das auch zurecht: In vielen Ländern sind mittlerweile teils faschistische Menschen an der Macht, Vielfalt wird kleingemacht, alte Werte als gut und neu verkauft. Da hilft ein drumherum reden nicht aus. Das Video zum Song ist übrigens ein absolutes Muss, solltest du es noch nicht gesehen haben, denn selten habe ich die Interpretation von Musik so einfach und so klar gesehen wie hier:
Ich merke schon, ich führe nach drei Songs schon komplett aus. Es gibt aber auch so viel zu entdecken: sei es musikalisch neben dem klassischen Gitarre-Bass-Drums-Setup, welches durch zusätzliche Elemente erweitert wird. Sei es grundsätzlich das Inhaltliche in den Lyrics, sei es das Spiel mit verschiedenen Sprachen. In „kalie“ lautet eine Zeile „Bonjour chère tristesse, well let’s get dressed“. Ich muss zugeben, beim ersten Durchhören hat mich das alles positiv überfordert.
Der Song „mir“ ist die nächste Abwechslung, die ich so von FJØRT nicht kenne, denn die Drums geben eine gewisse Monotonie vor, die David mit seiner Stimme doppelt und mal querfeldein alles anspricht, was und wer im Hier und Jetzt gerade viel Öl ins Feuer gießt. In „ær“ wird erneut die klare Sprache den Shouts und Screams vorgezogen. Dieser Kontrast aus „volle Kanne“ und runterfahren – musikalisch und stimmlich – wird auf „belle époque“ meines Erachtens nach deutlich mehr ausgebaut als bisher und bietet den Zuhörer*innen zumindest kurz etwas Raum zum Atmen. „22:30“ ist der allererste Song der Band, der mich zum Lachen gebracht hat: Hier wird in purer Ironie vom Wohlstand und unserem Umgang mit Problemen erzählt, zunächst ohne Gesangsmelodie, das sich später in purer Melodie zu den Worten „Ich werd weniger mit der Zeit“ auflöst. Die Songs „rott“ und „danse“ habe ich nun übersprungen, nicht weil sie schlechter sind, sondern nur der Zeit geschuldet und weil hier viel FJØRT zu hören ist, was auf alten Platten bereits zu erkennen ist.
Zu „yin“ gibt es wenig zu sagen, was du nicht schon im neuen Video gesehen hast, das letzte Woche rauskam:
Zu guter Letzt bildet „Nacht“ das Ende von „Belle Époque“ und man muss dann schon mal fragen, was diese Band eigentlich nicht kann. Die Stimmung nimmt nochmal eine Abweichung, die wir so noch nicht gehört haben, in den Vocals nehmen uns Zweitstimmen mit auf die Reise und ich brauche nun erstmal eine Pause für mein Gehirn. „Belle Époque“ ist mit Abstand das härteste und gleichzeitig vielseitigste Album von FJØRT. Kennt ihr das, wenn man bei jedem Durchhören noch neue Dinge entdeckt? Das wird mir bei diesem Album noch die nächsten Jahre so gehen, weil es so unglaublich viel zu entdecken gibt. Hut ab, hats off und chapeau!
FJØRT – Live 2026
11.03. München, Technikum
12.03. Jena, Kassablanca
13.03. Wien, WuK
14.03. Leipzig, Werk 2
18.03. Berlin, Festsaal Kreuzberg
19.03. Wiesbaden, Schlachthof
20.03. Dortmund, FZW
21.03. Hamburg, Gruenspan (ausverkauft)
25.03. Bremen, Schlachthof
26.03. Hannover, Capitol
27.03. Stuttgart, Im Wizemann
28.03. Köln, E-Werk
24.04. Hagen, Stockrock
derherrgott
Falls alle, die es interessiert, wir haben die wundervollen Fjørt in unserer aktuellen Podcast-Folge für knapp 3 Stunden zu Gast: https://tinyurl.com/Fjort-Interview (spotify). Oder von hier aus zu jeder anderen Podcast-Plattform: tunefish-podcast.de.
War verdammt schön! Wenn Ihr mögt, hör gerne mal rein, würde uns sehr freuen!
Liebe Grüße, Markus
matze
Danke für die Info! Wird direkt gecheckt!