Shoreline haben einen Anwärter auf das Album des Jahres veröffentlicht. „Is This The Low Point Or The Moment After?“ erschien heute Nacht, ich durfte schon etwas früher reinhören und habe hier ein paar Gedanken zu den zehn Songs zusammengefasst.

1. Die Emotionalität, die Hansol in seiner Stimme unglaublich gut zum Ausdruck bringt: Mal wird die Seele aus dem Leib geschrien (Ende von „Good Times“), dann wird nur ein wenig gesäuselt („Worry Count“), danach folgt die Kopfstimme („Youthfully Naive“) auf die markanten und melodischen „Haupt-Vocals“ („Out Of Touch“). Unterstützt vom Backing-Gesang kann man sich dem einfach nicht entziehen. „Forgive“ klebt genau deshalb seit gut einem Jahr fest in meinem Gehirn, für mich eines der Highlights (nicht nur weil es Unterstützung von Joe/Knuckle Puck gab).
2. Das Instrumental ist perfekt abgestimmt: Die Drums und der Bass liefern Wucht, wo es sie benötigt, die die Gitarren aufgreifen oder unterbrechen („Paradox Man“). Die Klampfen sind aber nicht zu verzerrt oder matschig, sondern haben eine charakteristische Klarheit, sodass ich bei „Youthfully Naive“ ein paar Mal das Intro wiederholen musste, weil ich es so geil finde. Auch mit ungewöhnlichen Klängen wird gespielt („Phantom Pain“) und die Bandbreite erweitert.
3. Mit dem Thema der Platte haben Shoreline einen Nerv getroffen. Liegt man noch am Boden, geht es schon wieder bergauf? Diese Frage haben sich mit Sicherheit schon viele Menschen gestellt bzw. diesen Scheidepunkt schon mal überquert. Der Satz „Is This The Low Point Or The Moment After?“ lässt viel Spielraum für Interpretationen, für mich steckt da sehr viel Hoffnung drin. Der Infotext zur Platte trifft es auf den Punkt, daher möchte ich hier kurz einen Absatz zitieren: „SHORELINE folgen dabei ihrer Leitfrage: Mit dem Intro-Doppel Worry Count und Brittle Bond startet die Platte nachdenklich und melancholisch. „I got my mistakes. Just like you I can’t stop thinking about them all”, singt Hansol Seung zunächst mit erschöpfter Stimme über verhallte Emo-Gitarren, gewinnt dann gemeinsam mit der Band an Kraft, wiederholt den Satz ungleich energetischer – und plötzlich klingt das Ganze weniger nach Zugeständnis denn nach entschlossener Kampfansage. Der Start einer Platte, die fortschreitend heavy wird, in der sich eine eigene Art Post-Hardcore Bahn bricht, den SHORELINE immer weiter verfeinern, bis das Album mit Phantom Pain schließlich hoffnungsvoll endet.“
Seit anderthalb Wochen höre ich das neue Album bereits und kann nun, in den letzten Zeilen meines Berichts, nicht wirklich vom Ende sprechen. Während ich die Songs jetzt gerade auf dem Ohr habe, entdecke ich wieder neue Elemente, Riffs, Melodien und Emotionen. Alleine das spricht für ein mögliches Album des Jahres! Glückwunsch an Shoreline für diese unglaublich gute Platte!